Orleans 2006 mai (Fête de Jeanne d'Arc)

Reisetagebuch 2006

ORLEANS

TAG 1 - Kapitel 1

Das Gefühl endlich wieder in Orleans zu sein ist unbeschreiblich! Das Fluchen meines Vaters ebenfalls...

Aber Joah - warum denn auch nicht? Es regnet in Strömen!!!!!

In Domrémy war der Himmel blau und die Strahlen der Sonne erschienen wie das teuerste Gold!

Wir haben uns soeben schnell auf die Zimmer geschmissen (und siehe da: Schon wieder kein deutsches Fernsehen  - ok, lassen wir das...)

Und, ob Regen hin oder her, raus in die Stadt. Für das morgige Festival ist die gesamte Innenstadt bereits mit allmöglichen Fahnen/Flaggen verschleiert.

 Überall hängen diese übergroßen Bettlaken rum und versauen einem die Aussicht - da kriegt man doch direkt Lust zu feiern! ;) Und...oh hey! Diesmal kann ich auf der Straße spazieren gehen, auf welcher ich letztes Jahr beinahe
überfahren wurde (und das nur aus Solidarität zu meinen Fotos...)

Diese liebevoll gestalteten Flyer liegen überall vom Regen durchnässt auf der Straße herum (Einfach die Dinge da ablassen wo man gerade rumsteht - wie im Mittelalter!).

Was ich auch sehr amüsant finde, sind die verklebten Autoschilder in der jeder Straße von Orleans! Mit der Massiven Drohung „Am 8. Mai ist das Fest Jeanne d'Arc - wer hier parkt wird abgeschleppt!".

Jap, der Orleanische Sarkasmus hat sich seit je her gehalten!
Im Zentrum der Stadt, findet man das Herz von Orleans - das Jeanne d'Arc Reiterstandbild! Wunderschön wie eh und je, nur dass heute eine Tribüne um das Denkmal aufgebaut wurde, außerdem Zuschauersitzbänke und eine Konzertbühne.

Der Himmel grau, es schüttet aus allen Wolken, hier und dort liegen Flyer in den Pfützen, diverse Straßen sind gesperrt und wenn ich mir so die fetten, tättovierten Franzosen ansehe, wie sie eine Stahlstange nach der Nächsten um das Denkmal aufbauen, denk ich mir ... wie soll ich unter DEN Umständen meinen Hintern irgendwo hinplatzieren?

Immer noch am gleichen Tag in Orleans. Es hat aufgehört zu regnen (und zu Donnern, blitzen und ‚Fast-Hageln') und plötzlich scheint sogar ganz herrlich die Sonne...

Also trauen wir uns noch mal raus aus dem Hotel um noch mal „spazieren" zu gehen. Was anderes kann man im Moment auch nicht machen, weil wir A) Städtchen Orleans allmählig in-und-auswendig kennen und B) sich aus irgendeinem Grund MASSEN an Leuten angesammelt haben. Jetzt dachte ich „Gut! Morgen ist ‚Fêtes de Jeanne d'Arc' da werden sich sicher viele zusammenfinden..." Aber Nix da! 90% aller „Massen" verschwinden irgendwie in Mode-Boutiquen! Was ich also eigentlich sagen will ist, dass mich innerhalb 1 Stunde 25 Leute angerempelt und überrannt haben, und hätte ich nicht die reflexartige Angewohnheit zum Ausweichen, hätte ich sicher mit 40 Leuten Hardcore gekuschelt!!

Mein Vater, der der nicht einmal berührt wurde, sagt natürlich „Ach, lauf da halt gegen!", aber ich bin nicht sicher ob ich Körperkontakt mit einem 3-Meter Napoelon-Abklatsch haben will...

Spätestens dann bekommt man nämlich so was in die Hand gedrückt:

Als wir das letzte Mal in Orleans waren, wurde mein Vater um einen Cappuccino beschissen, der 10 Euro kostete aber sage und schreibe in einer 4 cm großen Tasse serviert wurde. Der Porzellanbecher hätte meinem Vater nicht einmal zum Gurgeln genügt...

Aber weil mein Lachkrampf an den Tag so lustig war, gehen wir heute noch mal in dasselbe Café und bestellen uns nen schönen Kakao (mit Keks! Höhö) streiten 10 Minuten und gehen dann ins ‚Centre d'Arc'. Das hat aber nichts mit unserer geliebten Jungfrau zutun, sondern ist schlichtweg eine übergroße Einkaufspassage im Flohmarkt-System!
Wer zuviel Geld hat kann hier in 3 verschiedenen Läden, die zwar alle anders heißen aber ansonsten exakt das Gleiche anbieten, überall reinlaufen und irgendwelchen Blödsinn einsammeln.

Wir waren also sofort drin ;)!
Weil für Morgen Nacht ein Konzert ansteht, und die Bands Lautsprecherproben machen,
hört man In der Innenstadt gerade sowieso nur die Elefanten sterben.

Miss Jenny-Jinya hat natürlich wieder schlechte Laune und befürchtet am morgigen Tag von Madame Clin sitzen gelassen zu werden, am liebsten würde ich nämlich die gute Virginia Frohlick anmailen, um mich bei ihr wieder einmal über die böse, böse Welt zu beklagen (Hilft immer!!!).

 

Jetzt sitze ich auf meinem Hotel-Zimmer und muss mir im TV nen französischen Grand-Prix anhören, weil ich zu faul zum Umschalten bin.

Dann werde ich mich jetzt unter die 1quadrat Meter-Dusche stellen und mir diverse französische Körperpflege-Sachen auftragen.
Danach ne Flasche Diät-Wasser (?) um in dem darauf folgenden diabetischem Koma leichter einschlafen zu können...

 

Gute Nacht

 

ORLEANS

 

TAG 2 - KAPITEL 2

 

TREFFEN MIT MARIE-VERONIQUE CLIN!! 
(DIE Zzt. führende Johannistin/Jeanne d'Arc Historikerin)

Wow! Was für ein Tag!

Zu allererst habe ich richtig brutal verschlafen, dann hatte ich 20 Minuten Zeit mich umzuziehen, meinen Vater das Frühstück zu vermiesen und zum Hause der Jeanne d'Arc zu rasen!

Irgendwie hatte ich extrem Angst, Madame Clin würde nicht eintreffen, nach 10 Minuten „Nicht-Erscheinen" hätte ich schon beinahe angefangen zu heulen, bis ich feststellte, dass sich Madame Clin durch die Hintertür des Hauses geschlichen hatte.

Sie nahm mich an der Schulter und führte mich zur Eingangstür (in die kleine „Vorhalle") und sagte kein Wort, sondern grinste lieber so weit sie konnte. Was war so komisch?
Also machte ich ihr erstmal klar was ich so für Pläne verfolge.

Sekundenlang hatte sie mich nur angesehen, kein Wort gesprochen, bis ich kleinlaut fragte „Und? Können sie mir helfen?" und sie sagte liebevoll mütterlich „Natürlich! Natürlich kann ich dir helfen!!" (Sure! Sure i can help you!) .

Sie schickte mich erstmal in die Lounge des Museums, wo ich auf die warten sollte.  Irgendwann kam dann eine Frau zu mir, die im Museum arbeitete und sagte „Madame Clin erwartet dich oben, warte dort auf sie!" Ich nickte also und stapfte die Treppen hinauf. Aber statt Madame Clin war dort bloß eine weitere Frau, die mich in den 2. Teil des Museums brachte, nämlich den, wo man in Glassvitrinen Miniaturen und Nachbauten die Geschichte Jeannes per Kopfhörer mitverfolgte. Normalerweise hätte mich das Geld gekostet, aber ich wurde einfach mal bevorzugt.

Ich genoss die Show, auf die ich mich nur schwer konzentrieren konnte und wartete eben auf Madame Clin. Nach der Vorstellung stand diese auch schon wieder grinsend an der Tür und führte mich in ihr Büro.

Sie hatte aber wohl nicht viel zeit und sagte, dass wir uns um 13:30 vor dem Miasion (?) treffen sollten (das neoklassisch eingerichtete Jeanne d'Arc Haus, s. Reisetagebuch 2005!) Sie schrieb mir Platz und Urzeit auf ihre Visitenkarte.

Irgendwie hatte sie dann doch noch Zeit und ich durfte in den „verbotenen Personalbereich" und ehrlich,...ich hab noch nie... SOLCH einen SAUSTALL gesehen!!!
Da wurde ich dann wieder irgendwelchen Leuten vorgestellt und hab mir freundlicherweise von deren PC den Bildordner nach Hause schicken dürfen.
Und jetzt der Hammer: Weil heute Abend ja „Fête de Jeanne d'Arc" ist, sind Zuschauertribünen aufgebaut worden. Um auf diese Sitze zu dürfen, muss man Karten kaufen, Und was glaubt ihr was passiert ist? Madame Clin unterhält sich mit irgendwelchen Leuten und ich bekomme doch prompt 3 Karten geschenkt! Für heute Abend, Morgen Früh und Morgen Nachmittag! Genial oder?! GROßES DANKE an dieser Stelle!

 

Ich verließ das Haus der Jeanne d'Arc. Auf halbem Wege traf ich noch meinen Vater, wir gingen auch gleich zum Platz, wo Madame Clin mich noch einmal treffen wollte. Da war gerade eine Art mittelalterliches Bauernfest ausgebrochen, mit Ständen und verkleideten Menschen:

Es war interessant anzusehen! An den Platz, an dem ich Madame Clin treffen sollte, wartete ich natürlich schon wieder vergebens, irgendwie hat mein Vater wohl Recht wenn er sagt „Franzosen sind unpünktlich!". Irgendwann, unter den Massen, traf ich sie dann aber doch noch. Sie stellte mich einigen wichtigen Leuten vor, mit den Worten „Das ist Jenny-Jinya, sie verehrt Jeanne d'Arc!" und die Antwort darauf war „Wirklich?! Na herzlichen Glückwunsch!" ... Sarkasmus pur?!? *ggg*

Irgendwann landete ich bei einer Schottin, Evelyn M. Hood, Schreiberin, Forscherin und Rundfunk-, Fernsehsprecherin. Ich habe mich einige Zeit mit der sehr freundlichen Dame unterhalten und es schien ihr zu gefallen was ich so mache.

Als wir uns verabschiedeten bemerkte ich erst den Ansturm auf die „Miasion Jeanne d'Arc (???)" also gingen wir hinein und sahen wie alle Räume, die bei unserer letzten Besichtigung noch geschlossen waren, nun geöffnet sind!

 

 

Wie auch immer, irgendwann wurden dann sämtliche Straße abgesperrt und rund um die Kathedrale Sainte-Croix tummelten sich auch schon die ersten Menschen.
Ich mit meiner Frei-Haus Karte saß zu meinen eigenen Vergnügen noch genau unter ihnen - welch ein Gefühl!

Es war bereits halb 10, und von dem Mädchen das Jeanne repräsentieren sollte, sah man auch nichts. Es gingen bloß für 1 oder 2 Stunden bei Nacht und Fackellicht Schotten und Franzosen, mit Instrumenten, Flaggen und Waffen durch die abgegrenzte Kreuzung, boten zudem eine tolle Show!
Irgendwann in der letzten Stunde kam dann eine kleine 12jährige in einen roten felligen Mantel, schwarzen Springerstiefeln und grüner Ökohose anmarschiert, hielt ein Spielzeugschwert in die Luft, senkte es und hielt es noch mal in die Luft. Dann stellte sie sich zur Seite der Kathedrale und freute sich über sämtliche Fotografen die sie natürlich in den Vordergrund stellten. Für den Zuschauer selbst war gerade IHR Akt ziemlich enttäuschend...

 

Sehr gesegnet schien die Veranstaltung aber dennoch nicht. Kaum stellt sich die kleine Mit Sack und Pack in Pose fängt es an zu regnen als gäbe es kein Morgen mehr. Die gerade noch hoch überfüllte Zuschauertribüne, wo ach so viele stolze „Jeanne-vernatiker" saßen, waren allerdings auch die ersten, die die Veranstaltung verlassen hatten. Komplett durchnässt saß ich dort im strömenden Regen, während eine Frau dort eine Hymne sang, und irgendwie dachte ich mir „wir feiern hier Jeanne d'Arc, warum zum Geier haut ihr alle ab?!".
Eisern blieb ich auf meinen Platz, bis zur letzten Sekunde waren nur noch ich und vielleicht 10 von 400 Leuten dort.
Es was das „Fête de Jeanne d'Arc" dass für die Meisten buchstäblich ins „Wasser fiel".! Ich war nicht nur nass, ich sah aus als wäre ich in einen See gefallen... Aber Fakt war, für meine Heldin blieb ich bis zum Bitteren Ende ;)

Solange die vermeidliche Jungfrau allmählig auch Schutz in der Kathedrale suchte, bekam sie beim bescheidenen Volk nicht die Aufmerksamkeit, die ich mir vorgestellt hatte. Das wird sich auch in den folgenden Festival-Abschnitten noch bewahrheiten. Jedenfalls schwieg man geradezu bei ihren Erscheinen und Verschwinden, als jedoch französische Ehrenstaatsbürger zum Mikrofon griffen und mit rührenden „Merci Jeanne!!!" ihre Reden hielten, schrieen und pfiffen die Leute wie bei der WM!

Kurz war ich noch in der Kirche, wo schottische Musiker für Unterhaltung sorgten, mit Jeanne hatte das meines Erachtens aber nichts mehr zutun. Also fiel mir noch mein Vater ein, der ja leider KEINE Karte hatte und nun zwischen den flüchtenden Mengen da draußen rumirrte. Es war schon knapp 00:00 Uhr!

 

[wie geht es weiter? Siehe Reisetagebuch „Rouen 2006"]

Webstats4U - Free web site statistics